Autoreninterview: Evy Winter

Über Evy Winter:

 

1.Wachst du manchmal auf und fragst dich, ob du nicht mehr alle Tassen im Schrank hast, weil du Stimmen im Kopf hörst und dann aufspringst, um all ihre Geschichten aufzuschreiben, solange sie mit dir reden? Machst du das dann auch oder lässt du sie reden?

 

 

 

Eine interessante Frage. Autoren wird ja sehr gerne ein gewisser Hang zur Geisteskrankheit unterstellt. Bisher sind die Stimmen in meinem Kopf jedoch nur dezent aufdringlich. Nun ja, eine kleine „Macke“ gehört einfach dazu, wenn man sich dafür entscheidet, Romane zu schreiben – in vielerlei Hinsicht. Ich bin tatsächlich auch schon aufgewacht und musste sofort zum Notizbuch greifen, weil ich einen kompletten Plot für eine neue Geschichte geträumt hatte. Zu den ungünstigsten Zeitpunkten sprechen die Stimmen auch manchmal und geben mir einen Wink, man könnte sie aber auch schlicht als Ideen beschreiben. Sollte ich diese dann nicht sofort aufschreiben können, kann ich mich nur schwer auf andere Dinge konzentrieren, was man durchaus als leichte Zwangsstörung ansehen könnte. Zwiegespräche mit meinen Protagonisten, wenn sie sich weigern, das zu tun, was ich will und mich eines Besseren belehren wollen, sind mittlerweile völlig normal geworden. Meistens höre ich dann einfach auf das, was sie mir auftragen. Denke ich deshalb, ich habe nicht mehr alle Tassen im Schrank? Nein. Das ist der ganz normale Wahnsinn einer leidenschaftlichen Autorin.

 

 

 

 

 

2. Wie wichtig ist für dich der Schreibstil eines  Autors und was kann man deiner Meinung durch ihn an dem Menschen erkennen?

 

 

 

Der Schreibstil spielt selbstverständlich eine große Rolle. Durch diesen entscheidet sich, ob ich mich gut in die Gedankenwelt des Autors einfinden kann. Ein klarer, flüssiger Schreibstil spricht mich am meisten an. Kurze aber aussagekräftige Sätze und keine ewig langen Schachtelsätze, bei denen man am Ende nicht weiß, was der Autor einem sagen wollte. Ellenlange und extrem ausschweifende Beschreibungen über Farbe des Teppichs, Material der Gardinen oder ähnliches nerven mich ungemein, ebenso abstraktes Darstellen der Umgebung oder Stimmung.

 

Ich habe gerne das Gefühl, dass mir die Geschichte von einem Freund/einer Freundin erzählt wird, was ich auch in meinen Büchern versuche umzusetzen. Die Erzählperspektive ist mir dabei egal.

 

Was der Stil über den Menschen aussagt, mag ich nicht beurteilen. Ich bin mir auch nicht sicher, ob ich möchte, dass andere aufgrund dessen über mich urteilen. Manchmal möchte man sich einfach ausprobieren oder aus gewohnten Bahnen ausbrechen. Ein Autor will jede Erzählung möglichst authentisch gestalten, weshalb er sich auch im Stil anpasst. Ich erinnere mich an die Aussage einer Freundin, nachdem sie meinen ersten Roman gelesen hatte: „So kenne ich dich gar 

 

nicht. Du fluchst nie, bist nicht so arrogant oder derart direkt oder philosophisch unterwegs.“ Meine Antwort darauf: „Stimmt, ich bin so nicht, meine Protagonistin ist es aber.“

 

3.Muss es immer ein Happy End geben oder nicht? Und warum?

 

 

 

Nein, es muss nicht immer ein Happy End á la „Und sie liebten sich bis ans Ende ihrer Tage“ sein. Meist sind es Bücher mit eher bitterem Ende, die mir persönlich lange im Gedächtnis bleiben, weil sie mich über bestimmte Themen noch intensiver nachdenken lassen. Doch eine gewisse Befriedigung sollte es schon in irgendeiner Form geben. Vielleicht ist es auch eine Frage der Definition für jeden Einzelnen, was man unter Happy End versteht. Als Beispiel fällt mir da sofort „Ein ganzes halbes Jahr“ von Jojo Moyes ein. Was habe ich geflennt, aber es war das absolut richtige Ende für diese Geschichte und die Protagonisten. Und darauf kommt es meiner Meinung nach an - es muss passen. Wie meine Storys enden, weiß ich auch erst sicher mit dem letzten Anschlag. Es gibt immer zwei Varianten in meinem Kopf. Welche es wird, entscheidet mein Instinkt. Ob es ein persönliches Happy End ist, entscheidet dann allein der Leser.

 

Offene Enden hingegen mag ich gar nicht, es sei denn, es gibt auch tatsächlich eine Fortsetzung.

 

 

 

4. Deine Nervennahrung, wenn deine Protas mal wieder abgehen und deinen ganzen Plot zerstören?

 

 

 

Kaffee. Ganz viel Kaffee. Denn, wenn es soweit ist, kann ich mich auf eine lange Schreibnacht einstellen. Okay, manchmal sind es auch Gummibärchen (denen kann man den Hals so schön lang ziehen) oder Brotchips (die knacken so schön). 

 

 

 

5. Welches Buch mochtest du bisher gar nicht und wieso?

 

 

 

Für mich ist das unangefochten „Feuchtgebiete“ von Charlotte Roche. Eine sinnlose Aneinanderreihung bizarrer Darbietungen des weiblichen Geschlechts und Veranschaulichung menschlicher Abgründe. Ich konnte jahrelang keinen Blumenkohl sehen, geschweige denn essen. Wer´s gelesen hat, weiß warum. Mehr ist dazu nicht zu sagen.

 

 

 

6. Was machst du in deiner Freizeit, wenn du nicht gerade deine Schreibmaschine malträtierst?

 

 

 

Tatsächlich macht das Schreiben und alles, was damit zu tun hat einen Großteil meiner Freizeit aus, da ich noch einen Brotjob erledigen muss. Abgesehen davon verbringe ich überwiegend Zeit mit meinem Mann, meiner Familie oder Freunden, egal wie, weil das Zusammensein immer oberste Priorität hat. Ein gutes Buch lesen oder mir eine neue Serien zum „wegsuchten“ suchen, ist aber eine gern genutzte Alternative, wenn ich für mich bin. Vor kurzem habe ich auch wieder mit dem Malen angefangen ... zwar nur mit einer App auf dem Tablet, aber immerhin.

 

 

 

7. Hast du ein Idol beim schreiben?

 


Ich liebe die Bücher und den Stil von Nicholas Sparks. Er schafft es, die gesamte Bandbreite an Emotionen zu wecken, wie kaum ein anderer. Seine Geschichten greifen immer ernste, tief traurige Themen auf, sind aber dennoch mit  einer herrlichen Leichtigkeit geschrieben. Das bewundere ich sehr, deshalb würde ich ihn als mein Idol bezeichnen.

 

 

 

8. Hast du für jedes Buch eine Playlist? Und wenn ja wie stellst du diese zusammen?

 

 

 

Musik im Hintergrund brauche ich zwingend beim schreiben. Ansonsten flutscht es nicht. Eine bestimmte Playlist habe ich meist nicht. Oft schalte ich das Radio oder einen TV-Musiksender mit einem guten Mix ein. Nur zu laut darf es nicht sein. Um mich in bestimmte Szenen besser hineinzuversetzen, krame ich dann meine persönliche Musikauswahl hervor. So entsteht im Laufe des Schreibprozesses ein individueller Soundtrack zu jeder Story. Sollte „Coming Home“ zum Beispiel irgendwann einmal verfilmt werden, kann es nur einen Titelsong geben – Ed Sheerans „Photograph“. Ja, ich weiß ... aber man wird ja wohl noch träumen dürfen!

 

 



Leseprobe: #Spoilergefahr

KAPITEL 1
Dean ... Jahre zuvor
»Wir müssen dem Ganzen ein Ende setzen. Jetzt! Und genau dort
sollten wir anfangen. Wir müssen endlich handeln. Bloßes Gerede
beeindruckt niemanden, wenn nicht Taten folgen. Wir dürfen uns das
nicht bieten lassen. Es ist unsere Stadt und hier regieren wir.« Dina
presst sich eng an meine Seite, während wir gebannt den Ausführungen
von Trevor lauschen, der voll und ganz in seinem Element ist. Ihre
dünnen Finger umschlingen fest meinen Unterarm. Je enthusiastischer
Trevor redet, desto fester gräbt sie ihre Finger in mein Fleisch. Kurz
schiele ich zu ihr herüber und muss augenblicklich lächeln. Sie ist
dermaßen gefesselt von seiner Rede, dass sie aufgeregt auf ihrer
Unterlippe herumkaut. Sie sieht zu ihm auf, was nicht ausschließlich
dem Umstand geschuldet ist, dass Trevor ihr Vater ist. Dina sieht zu ihm
auf, weil sie ihm kompromisslos glaubt und vertraut. Jedes seiner Worte
quittiert sie mit einem heftigen Nicken. Zwischendurch ruft sie »Genau«
und »Du sagst es«. Dabei ballt sie ihre Hand zur Faust und boxt in die
Luft, als würde sie einen unsichtbaren Gegner K.O. schlagen wollen.
Dass ich sie dabei beobachte, merkt sie nicht einmal. Trevors hitzige
Reden reißen die Leute immer mit, zumindest die Leute, die so sind wie
wir. Dina geht in seinen Worten vollkommen auf. Alles andere um sie
herum verblasst augenscheinlich in diesem Moment. Ihre ganze
Aufmerksamkeit gilt Trevor, unserem Anführer, und der Sache.
Noch nie hatte ich einen Menschen getroffen, der sich so intensiv für
etwas begeistern kann, bis ich Dina kennengelernt habe. Ihr ist dabei
völlig egal, was andere von ihr denken. Sie hat eine starke
Persönlichkeit. Ebenso wie ihr Vater. Sie weiß genau, was sie will und
wann sie es will.
Ich hingegen wusste lange Zeit nicht, wo mein Platz in dieser
Gesellschaft und in meiner Familie sein soll. Nirgends gehörte ich richtig
dazu. Ich war da, kam mir jedoch wie ein Geist vor. Von keinem meiner
Mitmenschen beachtet oder auch nur wahrgenommen. Immer war ich
der Außenseiter. Nicht, weil ich es gewollt hatte und gerne für mich
allein war - nein, die Umstände hatten mich dazu gemacht.
Mich hatte nie jemand danach gefragt, ob ich in eine andere Stadt
ziehen wollte, ob ich das einzige Kind sein wollte, dessen Eltern es nie
zur Schule brachten, ob ich an außerschulischen Aktivitäten nicht
teilnehmen wollte, weil es sowieso nur ›Zeitverschwendung‹ wäre oder
ob ich nur nachhause kommen wollte, um dann auf ein ständig
kreischendes Baby aufzupassen. Nichts davon hatte ich mir ausgesucht.
Ich hatte nichts, was mich erdete, mir Geborgenheit oder Liebe
vermittelte. Oftmals hatte ich mich gefragt, ob es jemand bemerken
würde, wenn ich nicht mehr da wäre. Alles wäre einfach weiter gelaufen
wie bisher, eben nur ohne mich.
Mein einziger Freund war Paul, doch er war ebenso ein Außenseiter,
wie ich. Wir hatten uns diese Freundschaft nicht wirklich ausgesucht. Sie
war mehr oder weniger alles, was uns übrig blieb, um überhaupt einen
Freund zu haben.
Mit den Jahren hatte ich mich an all das gewöhnt. An das Alleinsein
genauso, wie an das unsichtbar sein. So sah mein Alltag eben aus und
ich hatte keine Ahnung, wie ich es selbst hätte ändern können. Man
könnte sagen, ich war in einer Dauerschleife gefangen. Doch dann
begegnete ich Trevor, meinem Boxtrainer ... und seiner Tochter Dina.
Mein tristes Leben änderte sich Schlag auf Schlag zum Guten. In ihnen
habe ich Menschen gefunden, die mich wahrnehmen, mir zuhören, mir
Liebe zukommen lassen. Dank ihnen habe ich Freunde gefunden, die
diese Freundschaft annehmen, weil sie es wollen, nicht weil sie keine
andere Wahl haben. Hier, an Dinas Seite, inzwischen all meiner Freunde,
habe ich meinen Platz gefunden. Ich gehöre endlich dazu. ›The Right
Order‹ ist meine Familie, weil ich es so entschieden habe.
»Wir können keinesfalls akzeptieren, dass sich dieses Pack hier
breitmacht und unsere Heimat mit ihren Krankheiten verpestet. Wir
dürfen keine Schwächen zulassen. Diese Schwuchteln haben hier nichts
zu suchen und das werden wir sie in aller Deutlichkeit spüren lassen!«
Als Trevor mit seiner Hassrede endet, ertönt tosender Applaus aus
den Reihen, in den auch ich verhalten mit einstimme. Dina dreht sich zu
mir und grinst beinahe im Kreis.
»Das wird mega. Denen werden wir zeigen, wo der Hammer hängt.
Endlich bewegen wir etwas! Toll, nicht wahr?«, kreischt sie euphorisch
und sieht mich mit erwartungsvollem Blick an.
»Ja, toll.« Obwohl ich ihr zustimme, Beifall klatsche und lächle, bin
ich mir zum ersten Mal nicht im Klaren, ob ich das auch wirklich sollte.
Durch meine Gedanken während der Rede war ich abgelenkt, bin mir
dennoch sicher, alles richtig verstanden zu haben. Worin dieses
›Handeln‹ allerdings genau bestehen soll, wurde nicht erwähnt. Alle
anderen Mitglieder scheinen dennoch ganz genau zu wissen, was er
damit meinte. Bisher hatte ich nur an einigen Protestläufen und
Kundgebungen teilgenommen, bei denen ich lediglich Schilder hochhielt
und ihre Parolen nachgrölte. Es lief immer ruhig ab. Mich beschleicht
jedoch das Gefühl, dass Trevor so etwas Harmloses sicher nicht gemeint
hat.
Seit sechs Monaten bin ich Mitglied von ›The Right Order‹, einer
Organisation, die für eine bessere Welt eintritt. Gewalt war dafür nicht
von Nöten, bis jetzt vermute ich. Das war es, was mich zu Beginn
beeindruckte, dass sie es nicht mit Gewalt, sondern Beharrlichkeit und
Überzeugung erreichen wollten. Es gab bislang auch keinen Grund
gewaltsam vorzugehen. Doch nun, da dieses Hospiz für Aidskranke in
unserem kleinen Städtchen Douglasville eröffnet wurde und sich die
Seuche verbreiten könnte, schürt es den Hass und die Ängste der
Mitglieder. Zum ersten Mal bin ich mir nicht sicher, ob das richtig ist und
wo es hinführen soll.
Nur einen Tag später lässt Trevor seinen Worten, Taten folgen. Und
wir alle folgen ihm, komplett vermummt, mit Masken bedeckt und
Handschuhen bekleidet. Ich marschiere mit, formiere mich vor dem
Gebäude, indem heute Morgen die ersten Kranken aufgenommen
wurden. Mein ganzer Körper ist angespannt, die Knie und Hände zittern
und mein Mund ist staubtrocken.
Das Hospiz liegt am Stadtrand. Weit und breit sind nur Ackerland und
kleine Wälder zu sehen. Die Hauptstraße ist knapp zwei Meilen entfernt.
Niemand, außer uns, ist zu sehen. Ein paar Laternen auf dem Gehweg
erhellen die Umgebung. Mein Unbehagen wächst mit jeder Sekunde.
Mittlerweile sind meine Handschuhe feucht vom Schweiß. Meine
Halsschlagader pocht schnell und kräftig. In meinen Ohren rauscht es.
Die Stimmen der Mitglieder kann ich kaum noch hören.
Trevor holt aus. Nur verschleiert nehme ich wahr, wie etwas aus
seiner Hand in Richtung der Hausfassade fliegt. Klirr!
Eine Fensterscheibe zerspringt in tausend Teile. Im ganzen Haus
gehen die Lichter an.
»Verpisst euch, ihr Schwuchteln! Wir wollen euch hier nicht!«, ruft
Ken durch ein Megaphon. Indessen sprayt Lloyd in knalligem Rot
›Vorsicht! Seuchengefahr!‹ an die Hauswand. Im Inneren, hinter dem
zerbrochenen Fenster, beginnen Flammen zu lodern. Erstickte Stimmen
dringen nach draußen. »Haut ab!« und »Wir haben die Polizei gerufen!«
Auch alles in mir sagt mir, dass ich hier schnell verschwinden sollte.
Die Eingangstür des Hospizes geht auf. Zwei hochgewachsene Gestalten
kommen auf uns zu. ›Wie können die nur so dämlich sein‹, denke ich mir
noch, als Trevor mich am Ellenbogen hinter sich herzieht. Er geht auf die
beiden zu. Vermutlich hatten sie nicht damit gerechnet, dass wir so viele
sind. Nur Trevor, Lloyd, Ken und ich stehen im Schein der Beleuchtung.
Ohne zu zögern, geht Trevor auf einen der beiden los. Seine Faust
donnert mitten in sein Gesicht. Das laute Knacken lässt mich kurz
zusammenzucken. Der Typ versucht sich zu wehren, hat aber keine
Chance gegen einen ehemaligen Profi-Boxer. Trevor kniet sich auf ihn
und drischt weiter auf ihn ein. Unter ihm bildet sich eine Blutlache. Ich
bin starr, kann mich nicht bewegen.
»Los, mach schon. Zeig ihnen, dass wir sie hier nicht wollen!«, schreit
mir Trevor schnaufend zu. Erschrocken blicke ich den anderen Mann an,
der sofort vor mir zurückweicht. Ich will ihm nicht wehtun. Ich will
niemandem mehr wehtun. Ob er es nun verdient hat oder nicht. Deshalb
bin ich überhaupt erst in den Box-Club gegangen. Um meine
Aggressionen loszuwerden. Nicht, um neue zu schüren.
»Fuck!« Trevor krümmt sich und hält sich die linke Seite. Sein Opfer
ächzt vor Schmerzen und kann kaum mehr kriechen. Trevor sieht mich
jetzt direkt an.
»Mach ihn fertig!« Mit einer leichten Kopfbewegung deutet er in
Richtung meines Gegenübers. Wieder sehe ich ihn erschrocken an. Der
Typ flüchtet ins Haus, wobei er sich beinahe selbst zu Sturz bringt. Ich
mache keinen Versuch ihm nachzurennen, gehe stattdessen zu Trevor,
um ihm auf die Beine zu helfen. In der Ferne hört man Sirenen, die
immer näher kommen.
»Wir müssen hier weg«, sage ich zu ihm und reiche ihm meine Hand.
Gerade, als er danach greifen will, stürze ich zu Boden. Vollkommen
blutüberströmt wirft sich der Typ, der eben noch am Boden lag, auf
mich. Seine Finger schnüren sich um meinen Hals. Automatisch umfasse
ich seine Handgelenke, kann sie aber nicht von mir losreißen. Sein Blut
tropft auf mich herab. Ich bekomme keine Luft mehr, versuche ihn von
mir zu stoßen, schaffe es aber nicht. Hilfesuchend sehe ich zu Trevor. Der
steht da und grinst.
»Beweis dich, Junge!«
Mir wird schwarz vor Augen und meine Kräfte lassen nach. Ich
schließe die Augen und weiß, wenn ich jetzt nichts tue, sterbe ich. Mit
aller übrigen Kraft drücke ich meinen Oberkörper ein Stück nach oben.
Meine rechte Faust knallt gegen die Schulter meines Gegners. Er ist
irritiert und meine linke Faust trifft hart sein Kinn. Die Finger um meinen
Hals lockern sich und er kippt zur Seite. Ich ringe nach Luft, bemühe
mich aufzustehen, was mir noch nicht richtig gelingen will. Die
Dunkelheit wird von blauen Blitzen durchzuckt. Nur noch Trevor kann ich
sehen. Alle anderen sind längst verschwunden. Er hilft mir auf und rennt
los, in die Richtung, in die auch die anderen verschwunden sind. Noch
einmal schaue ich auf den Mann am Boden. Er bewegt sich nicht. Aber
ich kann sehen, wie sich sein Brustkorb hebt und senkt. In der Hoffnung,
dass er es überleben wird, widerstehe ich dem Drang, ihm helfen zu
wollen. Ich drehe mich um und will schnell das Weite suchen, da steht
Trevor urplötzlich vor mir. Ich dachte, er sei längst über alle Berge
verschwunden. Mit mahlenden Kiefern und diabolischem Blick sieht er
mich an.
»Beende es. Jetzt!« Alles in mir spannt sich an.
»Nein!« Meine Augen halten seinen Stand. »Es ist beendet.«
Ich wende den Blick ab und gehe an ihm vorbei. Ein kurzes Rascheln
ist alles, was ich noch höre, dann ein lauter Knall.

Über das Schreiben:

 

1. „Coming Home“ war eines meiner Jahreshighlights 2016. Was hat dich dazu bewegt genau dieses Buch zu schreiben?

 

 

 

Der Gedanke daran, ein Buch zu schreiben, hatte sich lange in meinem Kopf festgesetzt. Ideen hatte ich viele, die zu „Coming Home“ hatte sich aber schnell durchgesetzt. Ich war es leid, immer wieder dasselbe zu lesen. Nach dem Erfolg von „Shades of Grey“ gab es gefühlt abertausende Romane, in denen die Hauptakteure ein dominanter Milliardär und eine naive Jungfrau waren, ohne tieferen Sinn hinter der Geschichte. Ich mochte die Reihe, nicht falsch verstehen, aber etwas mehr Abwechslung danach (innerhalb dieses Genres) wäre wünschenswert gewesen.

 

Den Spieß wollte ich einfach mal herumdrehen. Deshalb ist mein männlicher Protagonist kein steinreicher Alleskönner und Frauen-Verhauer und sie keine Jungfrau, die mit ihrer „inneren Göttin“ spricht. Ich fühlte mich sozusagen dazu genötigt, genau dieses Buch zu schreiben. Natürlich war es mir aber auch ein Bedürfnis die Moral hinter „Coming Home“ an den Leser zu bringen.

 

 

 

2. Deine Bücher behandeln immer sehr ernste Themen. Wie recherchierst du dafür?

 

 

 

Das Internet bietet die wichtigste Recherchequelle und ist für mich unverzichtbar. Man findet Literatur zum Thema, kann sich mit Betroffenen über verschiedenste Plattformen austauschen oder findet Anlaufstellen, an die man sich wenden kann. Persönliche Erfahrungen oder Erlebnisse von Bekannten, Freunden etc. werden ebenfalls verarbeitet.

 

 

 

3. Hast du eigene Macken und Stärken in deine Protas einfließen lassen?

 

 

 

Ja, mal mehr, mal weniger. Ein winziger Bruchteil von mir steckt in allen Figuren. Sei es auch nur der Morgenmuffel, die Vorliebe für deutsche Autobauer oder das kindliche Herumalbern. In meinem neuen Roman „Liebe den Nächsten“, der hoffentlich im Sommer veröffentlicht werden kann, werdet ihr noch viele Macken von mir kennenlernen. Eigene Gedanken, Erlebtes und Betrachtungsweisen fließen klar auch mit ein.

 

 

 

4. Dein persönliches Herzbuch und wieso bedeutet es dir so viel?

 

 

 

Mein zweites Buchbaby „U May Love Me“, von dem auch der zweite Teil bald erscheinen wird, liegt mir sehr am Herzen. In dieser Geschichte steckt viel persönliches, was es so besonders für mich macht. Viel Recherche war kaum nötig, da ich auf so viele Erfahrungen zurückgreifen konnte. Die Handlung ist zwar rein fiktiv, doch viele Personen haben echte Vorbilder und Ereignisse einen wahren Hintergrund. Die geistig behinderte June im Buch ist beispielsweise ein genaues Abbild meiner real existierenden Schwester. Besser hätte ich sie auch gar nicht erfinden können. Zeitweise fiel es mir durch den privaten Bezug sogar schwerer, darüber zu schreiben. Vor allem im zweiten Teil wird es sehr heftig, was mich oftmals zu einer Pause gezwungen hat, weil die Emotionen zu überwältigend waren. Die gesamte Story soll aufmerksam machen, auf ein Thema, dass leider immer aktuell sein wird und wichtiger denn je geworden ist. Es geht um Akzeptanz.

 

 

 

 

 

5.Was würdest du wählen: eine Bibliothek, in der alle Bücher, die dich interessieren erscheinen oder aber einen Vertrag bei deinem Wunschverlag?

 

 

 

Hm, mal überlegen. Eine Bibliothek, die mir das bietet, habe ich ja eigentlich schon. Sie passt sogar in meine Handtasche. Ich nenne sie Kindle. Da du nicht erläutert hast, ob die Bücher in deiner Version dieser Bibliothek ein Leben lang kostenlos wären, wähle ich Option zwei. Wobei ich mir über einen Wunschverlag noch nie Gedanken gemacht habe.

 

 

 

6.Du musst dich in die richtige Stimmung für eine ganz spezielle Szene bringen – egal ob sexy, romantisch oder emotionsgeladen hoch 3 – was tust du?

 

 

 

Natürlich wähle ich die passende Musik, blende alles andere um mich herum aus, versetze mich gedanklich vollkommen in die Situation, rufe ggf. eigene Erinnerungen ab und los geht’s. Es vorher durchzuspielen ist manchmal auch ganz hilfreich. Danke an dieser Stelle an meinen lieben Ehemann, der dafür immer bereitsteht. Nein, das war jetzt nicht zweideutig.

 

 

 

7. Welcher deiner Charaktere ist dein persönlicher Liebling und warum?

 

 

 

Auch wenn nur nach einem Liebling gefragt wurde, muss ich trotzdem etwas differenzieren.

 

Wenn ich mich für einen rein erdachten Charakter entscheiden muss, dann ist es Aiden aus „Coming Home“. Er ist nicht der starke, selbstbewusste Mann, den sich eine Frau normalerweise wünscht. Er macht Fehler und zeigt seine Schwächen, an denen er aber unmittelbar wächst. Was ihn in meinen Augen wiederum unheimlich stark macht. Von allen bisherigen Charakteren hat er die größte Wandlung vollzogen.

 

Wenn es aber nach dem realen Vorbild des Charakters geht, dann ist es eindeutig June aus „U May Love Me“, weil sie auch im echten Leben mein Liebling und etwas ganz besonderes ist. 

 

 

 

 

 

8. Du hast sicher noch einige Ideen in deinem Kopf und Charaktere, die fröhlich auf deinen Gehirnwindungen herumsteppen. Kannst du uns einen Einblick in dieses kreative Chaos gewähren und verraten, worauf wir uns noch freuen können?

 

 

 

Oh ja, in meinem Kopf ist einiges los, so viel ist sicher.

 

Die extrem chaotische und planlose Lina, die Protagonistin aus „Liebe den Nächsten“ wird euch sehr erheitern. Mir zumindest beschert sie dauernd Momente, in denen ich einfach nur noch mit dem Kopf schütteln kann. Ich freue mich schon darauf, sie auf die Welt loszulassen. Sie ist komplett anders als alle anderen vor ihr.

 

Ein alt Bekannter hat mir keine Ruhe gelassen und regelrecht gegen meinen Schädel gehämmert. Nun MUSS ich seine Geschichte aufschreiben. Wobei wir wieder bei der ersten Frage angekommen wären. Vielleicht bin ich doch bekloppter, als gedacht. Wie dem aber auch sei, es wird einen zweiten Teil von „Coming Home“ geben, erzählt aus Aidens Perspektive. Darin wird Aidens Vergangenheit und die Zeit ohne Lynn näher ausgeführt. Die Leser erwartet also sehr viel neues.

 

Auch einige Fantasiewesen tummeln sich in meiner Gedankenwelt. Die Geschichte drumherum ist bereits gesponnen und steckt in den Kinderschuhen.

 

Ein düsterer Zeitgenosse hat sich auch noch breit gemacht und möchte sein Schicksal mit der Leserwelt teilen.

 

Kurz gesagt: Langweilig wird es in Zukunft bestimmt nicht.

 

 



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